100 Jahre Tiefenstein - Zwischen Bann und Gewann -


TIEFENSTEIN feiert sein 100-Jähriges BESTEHEN

Am 1. Mai 2009 feierte der Idar-Obersteiner Stadtteil Tiefenstein sein 100 jähriges Bestehen. Auf einer Strecke von insgesamt 3,2 Kilometer ziehen sich Wohn- und Geschäftshäuser durch das idyllische Tal des Idarbaches. Wer käme da als Uneingeweihter schon auf die Idee, dass das, was sich heute als eine kompakte Einheit präsentiert, früher zwei selbständige Dörfer nämlich Obertiefenbach und Hettstein darstellte  .....

Das ehemalige Hettstein brachte insgesamt eine Gemeindefläche von 237 ha, Obertiefenbach dagegen nur 167 ha in den neu geschaffenen Ort Tiefenstein ein. Dies begründet sich darin, dass die Gemarkung Obertiefenbach am Idarbach endete und die östlich nies Baches gelegenen Flurbezirke Diedesbach, Hof und Bangert zur Gemarkung Veitsrodt gehörten. Die Hettsteiner Gemarkung hingegen reichte über 300 Meter weit in den Mühlberg hinein und grenzte erst ca. 80 Meter oberhalb des Aussichtspunktes Mühlberg an die Gemarkungen Veitsrodt und Vollmersbach. Noch heute steht rechts neben dem nach Veitsrodt führenden Pfad durch den Wald ein Grenzstein aus dem Jahr 1842 an der Stelle, wo die drei Gemarkungen aufeinandertreffen.

Obertiefenbach und Hettstein lagen in ihrer bewohnten Fläche vor über 200 Jahren noch fast 800 Meter auseinander. Dies ist in einer historischen Karte ersichtlich - der topographischen Karte der Rheinlande Blatt 219 - die in der Ausstellung zur offiziellen 100-Jahr­Feier am 5. und 6. September in der Stadenhalle zu besichtigen ist. In den Jahren 1803-1813 erfolgte eine topographische Aufnahme der rheinischen Gebiete durch französische Ingenieur-Geographen unter Oberst Tranchot — und später von 1816-1820 durch preußische Offiziere unter der Führung von. Generalmajor Freiherr von Muffling. Da unter französischer Besatzung Obertiefenbach zur Mairie ( Verwaltung ) Herrstein, Hettstein jedoch zur Mairie Oberstein zugeschlagen wurde, ist in der historischen Karte zwischen den beiden Dörfern eine rote unterbrochene Linie eingezeichnet, die die Grenze zwischen den Verwaltungen Oberstein und Herrstein dokumentiert.

Und das heißt nichts anderes, als dass hier auch nebenbei der genaue, Grenzverlauf zwischen den Gemarkungen Obertiefenbach und Hettstein zu sehen ist.Damit ist es möglich, die ehemalige Gemarkungsgrenze auf den heutigen Ist-Zustand zu projizieren. Beginnend am Idarbach unterhalb des Mühlberges - und endend mitten in einem Feld des Hettenrodter Bauern Koch. Hinter der heutigen Kreissparkasse führt ein kleiner Pfad zum Waldweg Richtung Weiherschleife hoch. Knapp 30 Meter nach der Einmündung des Pfades befindet sich auf der linken Seite eine Ruhebank des Verschönerungsvereins Tiefenstein.

Richtet man von dort den Blick hinnunter ins Tal, macht gerade dort der Idarbach eine Kurve Richtung Hauptstraße. In diesem Knick befand sich früher ein Stauwehr, von wo der Schleifenteich ( heute eine große Wiese zwischen Mühlberg und Idarbach ) der oberen, mitticren und unteren Hettsteiner Schleife gespeist wurde. Auf der Höhe des Idarbach­Knickes ( wird heute 100-jähriges Eck genannt ) beginnt der ehemalige Grenzverlauf, der bis zur Tiefensteiner Straße nahezu gerade verläuft. Im weiteren Verlauf wird ca. 25 Meter oberhalb des Zebrastreifens zwischen den Häusern Taplic und dem Friseursalon die B422 gequert, und auf der gegenüberliegenden Seite führt die Gemarkungsgrenze oberhalb vorn Haus Molz links des Einfahrtsweges zum ehemaligen Haus des Lehrers Cullmann. An der linken Hausecke biegt die Grenze fast im 90-Grad-Winkel Richtung Granatweg ab, um nach ca.15 Metern wieder im rechten Winkel Richtung Alte-Poststraße den ursprünglichen Ost-West-Verlauf wieder einzunehmen. In der Folge führt die Grenze zwischen Lehrer Cullmann und Pfarrhaus, das damit noch auf der ehemaligen Hettsteiner Gemarkung liegt, gerade zur Alten-Poststraße hoch.

Die Grenze quert die Alte-Poststraße ca. 10 Meter neben dem Trafo ­Häuschen Richtung Idar ( Grenzstein liegt hinter dem Zaun direkt neben dem Bürgersteig im Boden ), und verläuft von der Krümmung der Schulhofsmauer identisch mit dem Bürgersteig den Domacker hoch. Im weiteren Verlauf wird die Einmündung Saphirstraße gequert und im Anschluß bildet die Buschreihe links neben dem Haus Schienger die ehemalige Gemarkungsgrenze bis zum Verbindungsweg Neubaugebiet Hohenau - obere Atzenbachstraße. Hier stand früher ein Grenzstein an der alten Eiche unterhalb der Ruhebank, der jedoch bei. Bauarbeiten zwecks Wegverbreiterung leider komplett zerstört wurde. Unterhalb des Weges sitzt dafür ein Grenzstein neueren Datums, von dem man sich — wenn man von dort Richtung Mühlberg blickt — den ehemaligen Grenzverlauf plastisch verinnerlichen kann. Im weiteren Verlauf befindet sich die Gemarkungsgrenze zunächst vor dem Haus Brucker in der Straßenmitte, streift dann den Neubau Franz-Krämer, zieht sich dann mitten durch die angrenzende Hecke, und trifft ein paar Meter oberhalb dieser auf den Feldweg Richtung Bruckersch Heckelsche.

Von dort führt sie mitten durch den Gewann-Weg ( Gewann = unbebaute Brachfläche zwischen zwei Feldern ) ca. 150 Meter weiter, bevor nun die ehemalige Obertiefenbacher Gemarkung im 90-Grad-Winkel nach rechts verläuft, weiter über die Felder verläuft und später über die Straße Tiefenstein-Hettenrodt in die Große Tiefenbach mündet. Die Hettsteiner Gemarkungsgrenze hingegen folgt dem Gewann-Weg weiter und trifft etliche hundert Meter höher dem Waldwirtschaftsweg Hettenrodt-Steinkaulenberg folgend schließlich auf die Mackenrodter Gemarkungsgrenze.

Besonders erwähnt sei, dass Hettstein seine größte Ausdehnung in der Breite auf der Linie Helersgraben ( heutige Andreasstraße bis Andreasbrunnen ) - obere Briesbach (z.T. den Waldwirtschaftsweg zwischen Hettenrodt und Steinkaulenberg überschreitend) auf einer Länge von fast zwei Kilometern hatte. Rund um die ehemaligen Gemarkungsgrenzen von Obertiefenbach und Hettstein, die heute auch zum Teil die Stadtgrenze von Idar­Oberstein bilden, befindet sich ein Netzwerk von herrlichen Wanderwegen, gespickt mit tollen Aussichtspunkten. Stellvertretend • sei hier das Heidenköpfchen und der Mühlberg-Ausblick genannt, von denen man einen phantastischen Rundblick auf das heutige Tiefenstein hat — und die man unter einer halben Stunde Gehzeit erreichen kann. Eine Wanderung rund urn Tiefenstein über Staden nach Heidenköpfchen, Andreasbrunnen, Weiherschleife, Steinkaulenberg, Rothenbach, Briesbach, Bruckersch Heckelsche, Breitenweg und zurück in den Staden nimmt ca. sieben. Stunden in Anspruch. Eine verkürzte Variante ohne Weiherschleife, Steinkaulenberg und Rothenbach dauert ca. dreieinhalb Stunden ab Standort Staden.

Im heutigen Tiefenstein sind noch Relikte aus der Zeit vor der Zusammenlegung der beiden Dörfer Obertiefenbach und Hettstein zu sehen. Vom ehemaligen Hettsteiner Friedhof in der Andreasstraße ist noch der vordere Teil der Original-Friedhofsmauer erhalten. Das ursprüngliche Friedhofsgelände dient heute der Firma Zirfaß als Materiallager. Vorn ehemaligen Obertiefenbacher Friedhof ist nichts mehr erhalten geblieben. Das Gelände dient heute als Parkplatz der Idarbachtalschule im Domacker. Die beiden alten Schulhäuser stehen. noch. und dienen heute als Wohn- bzw. Geschäftshäuser. Die ehemalige Hettsteiner Schule befindet sich in der Alten-Poststraße Nr. 15 am Aufgang zum Haselweg, mit 24% Gefälle im Übrigen die steilste Straße der Stadt Idar-Oberstein. Das alte Obertiefenbacher Schulhaus steht in der Atzenbachbachstraße schräg gegenüber der alten Turnhalle und beherbergt heute das Bedachungsunternehmen Lukas.

Die südliche Gemarkungsgrenze des ehemaligen Hettstein bildet das Gelände der Weiherschleife, wobei die Schleife selbst zu Idar, der Kallwiesweiher als Schleifenweiher jedoch zu Tiefenstein gehört. Die nördliche Gemarkungsgrenze des ehemaligen Obertiefenbach verläuft am Rande der Hermesbach, wo am Fußweg Richtung Kirschweiler etliche Grenzsteine als stumme Zeugen der Vergangenheit grüßen. Auf der Gegenseite des Idarbachtales oberhalb des Sportzentrums Staden ist die ehemalige Grenze des Idarbannes noch gut sichtbar. Unterhalb des Gedenksteins für den um 1700 wüstgefallenen Ort Fockenhausen stehen noch die Original-Grenzsteine aus dem Jahr 1842.


100 JAHRE TIEFENSTEIN

Im Jahr 1909 - also vor 100 Jahren - erfolgte der Zusammenschluss der beiden Dörfer Obertiefenbach und Hettstein. Wie kam es zum Zusammenschluss von Hettstein und der, hinsichtlich der Einwohnerzahl größeren, Nachbargemeinde Obertiefenbach vor 100 Jahren ?

Von der geografischen Lage her gesehen war Obertiefenbach wie auf einer alte Karte aus einem im Jahre 1904 herausgegebenen Reiseführer noch deutlich zu sehen ist nördlich und hauptsächlich südlich an der Straßenkreuzung Herborn-Hettenrodt und Idar-Katzenloch angesiedelt. Noch weiter südlich, etwa im Bereich der heutigen Alten Poststraße, befand sich der alte Ortskern von Hettstein. Ein im Jahre 1907 erschienener Reiseführer beschrieb die Lage der beiden Dörfer folgendermaßen: "Hettstein und Obertiefenbach liegen so nahe aneinander, dass die Häuserreihen fast ineinander übergehen." Den ersten Vorstoß in Richtung Zusammenschluss machte die Gemeinde Obertiefenbach Ende des Jahres 1906. Der Stein war durch die Obertiefenbacher Initiative ins Rollen gebracht worden und nicht mehr aufzuhalten.

Auf der ordentlichen Herbstversammlung des Provinzialrates des Fürstentums Birkenfeld im Jahr 1908 stand unter anderem auch die Namensgebung für das neue Gemeinwesen auf der Tagesordnung. Während der Diskussion fiel dann auch die Bezeichnung "Tiefenstein". Das neue, nun 1050 Einwohner zählende, Gemeinwesen wurde dann kraft Gesetz vom 12. März 1909 am I. Mai 1909 endgültig aus der Taufe gehoben. In einer am 19. April 1909 im damaligen Gasthaus Schuck in Hettstein durchgeführten Wahlversammlung wählten die Tiefensteiner Bürger den Obertiefenbacher Carl Cullmann zum Schöffen und den Hettsteiner Oswald Cullmann zum Beischöffen ( Stellvertreter ). Dem Gemeinderat des vereinigten Ortes "Tiefenstein" gehörten neun Gemeinderäte an. Welche Entwicklung nahm nun das neue Gemeinwesen, das verwaJtungsmäßig ein Teil der staatlichen Bürgermeisterei Idar-Land war? Der Bau eines neuen Schulhauses und die Weiterführung der Wasserleitung in den Ort Hettstein wurden sofort in Angriff genommen. Bereits am 9. Oktober 1910 konnte das neue Schulhaus, dass neben der Volksschule auch eine Fortbildungsschule -also eine Art Berufschule -beherbergte, seiner Bestimmung übergeben werden. In wirtschaftlicher Hinsicht befanden sich die in Tiefenstein angesiedelten Edelsteinund Schmuckbetriebe zur Zeit der Vereinigung in einem konjunkturellen Hoch.

Die Eingemeindung Tiefensteins, das nach nur zwei Jahrzehnten seinen Status als selbständige Gemeinde freiwillig aufgab, wurde durch das "Gesetz für den Landesteil Birkenfeld, betr. Vereinigung der Landgemeinde Tiefenstein mit der Stadtgemeinde Idar" vom 17. Juni 1930 vollzogen. Am I. Oktober 1930 trat es offiziell in Kraft. Wie aber stand es nun mit der Verkehrsanbindung zwischen beiden Teilen? Geregelt war diese in § 2 des Einigungsvertrages. Darin verpflichtete sich Idar, den Bau und Betrieb einer elektrischen Straßenbahn durch einen besonderen Vertrag, der auch im September 1930 geschlossen wurde, mit der OIE herbeiführen zu wollen. Die OIE übernahm im Gegenzug die Stromversorgung Tiefensteins auf der Grundlage des bereits zwischen ihr und Idar abgeschlossenen Vertrages. Das in Tiefenstein vorhandene, bereits erwähnte, kleine Elektrizitätswerk wurde stillgelegt und die Arbeiter und Angestellten von der OIE vollständig übernommen. Nachdem alle politischen Voraussetzungen erfüllt und die vertraglichen Bedingungen geregelt waren, schien der Anlegung einer Straßenbahnlinie von Idar nach Tiefenstein nichts mehr im Wege zu stehen. Doch nach genauer Prüfung stellten die Verantwortlichen der OIE fest, dass die Anlegung einer solchen Bahn vom Idarer Alexanderplatz in Richtung Tiefenstein wegen der engen und steilen Passage an der Evangelischen Stadtkirche nicht machbar sei. Man musste also nach einer anderen Alternative Ausschau halten und fand sie in einem Verkehrsmittel, das in Deutschland - im Gegensatz zu anderen Ländern - bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt war. Dieses Verkehrsmittel war der Oberleitungsbus ( Trolleybus ), ein von Elektromotoren, welche den Strom mittels einer Stromabnehmerstange aus einer elektrischen Oberleitung entnahmen, angetriebenes Fahrzeug. Nach etwa einjähriger Bauzeit war die Strornzuführungsanlage fertig gestellt, sodass die O-Buslinie Idar-Tiefenstein, die zweite ihrer Art in Deutschland, am 20. Februar 1932 ihrer Bestimmung übergeben werden konnte. Diese O-Buslinie, oder Trolleybuslinie, war dreißig Jahre in Betrieb, bis sie am 1. Mai 1963 eingestellt wurde. Aber zum Schluss noch einmal ein kurzer Exkurs in die weitere kommunalpolitische Entwicklung, die exakt drei Jahre nach der Eingemeindung Tiefensteins nach Idar noch einmal grundlegende Veränderungen mit sich brachte.

Nach ihrer Machtübernahme am 30. Januar 1933 führten die Nationalsozialisten auf der Grundlage des am 31. März 1933 erlassenen "vorläufigen Gesetzes zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich" zahlreiche Verwaltungsmaßnahmen durch. Eine davon war das am 22. September 1933 erlassene "Gesetz für den Landesteil Birkenfeld betreffend die Vereinfachung und Verbilligung der öffentlichen Verwaltung" ( Verwaltungsvereinfachungsgesetz ), welches am 1. Oktober 1933 in Kraft trat. Dieses Gesetz hatte u.a. die Vereinigung der Städte Oberstein, Idar ( mit dem eingemeindeten Tiefenstein ) und dem Ort Algenrodt zur Folge, aus der dann die neue Stadt "Idar-Oberstein" entstand. Tiefenstein war somit neben Oberstein, Idar und Algenrodt ein Stadtteil des neuen Gemeinwesens. Im Jahre 1969 - vor 40 Jahren - erfuhr die bisher aus vier Stadtteilen bestehende Stadt Idar-Oberstein einen weiteren Zuwachs durch die Eingemeindung von neun weiteren Stadtteilen. Heute ist Tiefenstein nach dem Stand vom 30.06.2009 mit einer Einwohnerzahl von 2 578 hinter Oberstein, Idar, Göttschied und Weierbach der fünftgrößte Stadtteil. So weit ein Rückblick über die Entstehung des Ortes Tiefenstein als selbständige Gemeinde bis zu dessen Eingliederung in größere kommunale Gemeinwesen.