100 Jahre Tiefenstein - Zwischen Bann und Gewann -


CHRONIK von TIEFENSTEIN

Im Jahre 1909 wurden die beiden Dörfer Obertiefenbach und Hettstein unter dem neuen Namen Tiefenstein vereinigt. Beide Orte gehörten seit frühester Zeit zum sogenannten Idarbann und ihre Geschichte ist mit der seinen auf engste verknüpft. Tiefenbach scheint älter als Hettstein zu sein ! In einer Urkunde aus dem Jahre 1044 bewittumt König Heinrich III. seine Gemahlin Agnes auf die Trierer Abtei St. Maximin, zu deren Besitz unter anderem Folmaresbach und Dieffenbach genannt werden. Die ursprünglich zum Trierer Erzstift gehörenden Orte des Idarbannes wurden 1313 den Grafen von Nassau-Saarbrücken als Lehen aufgetragen. Aber schon am 1. März 1321 empfing Philipp von Daun und Oberstein vom Grafen Johann I. von Nassau-Saarbrücken als Afterlehen den Fronhof Idar mit allen dazu gehörenden und noch zu erwartenden Weilern, nämlich "Ydere, hettelrod, hezerten ( Hettstein ), markenrod, alekenrod und was er in den Bännen von diffenbach und kirswillre hat an hohen und niederen Gerichten ".

Fast gleichzeitig, nämlich 1327, erhielten die Grafen von Nassau-Saarbrücken von Erzbischof Balduin die "Advocacia de Idere" als Lehen bestätigt. Dagegen verwiesen die hintersponheimischen Grafen und deren Nachfolger bis ins 18. Jahrhundert hinein auf den sponheimischen Lehensrevers von 1338, wonach Graf Johann von Sponheim sich Balduin gegenüber als tierischer Vasall bekannte und darauf verwies, dass Kuno von Daun und Herr zu Oberstein von ihm das Ydertal als Lehen trage. Der Streit, wer nun wirklich rechtmässiger Lehensträger des Idarbannes war, ist nie entschieden worden. Die eigentlichen Besitzer waren immer die Herren von Oberstein, die ganz unbeschränkt alle grundherrlichen und hoheitlichen Rechte ausübten. Sie besaßen den Idarbann mit allen "Insitzern", oder wie es im Lehensrevers der Agnes von Daun und Oberstein aus dem Jahre 1349 hieß, mit "land, dorfer, luite, gulden, wasser und weyde und bit allem rechte hohe und nieder". In einem Schöffenweistum von 1437 wurden die Grenzen des Idarbannes genau festgelegt:

""  Die Idarbach an, da die Noh ingaht, und die Noh uf bsi in die Sinsbach und die Sinsbach uf bis in Obersinsbach durch das dorf, und furter über den Lindenhübel usz glich den nuck usz bis in den Markweg, usz bis an die hellend eich und von hellend eichen bis hinter Pannenfels, und von der bächlein, das man nennt die Fasznacht, bis an den hohen stein, und von dem hohen stein usz bsi wieder in die Idarbach und die Idarbach bis zu Fockenhausen durch das Dorf und von Fockenhausen bis zu dem Lindbühl herüber, und von dem Lindbühl herüber bis zu Dieffenbach durch den Hof, und von dem Hof bis in die Idarbach, und die Idarbach wieder herab bis in die Noh. In diesem Zirkel sind unsere gnedige herrn von Oberstein die richter über dieb und diebin, über halsz und heupt, über all miszthetige, die darin ergriffen werden.  ""

Auffallend an dieser Grenzbeschreibung ist, daß die Grenz im Flecken Idar rücksichtslos dem Bachlauf folgt, so dass die größere östliche Hälfte Idars nie, werder früher noch später, zum Idarbann gehörte, sondern stets ein Bestandteil des Allodialgebietes der Herrschaft Oberstein gewesen ist. So gehörte auch der "Hof Dieffenbach", der sogenannte "Veitsrodter Hof", mit den Flurbezirken Diedesbach, Hof und Bangert, auf der östlichen Seite des Baches gelegen, zu Veitsrodt und war somit wild- und später rheingräflicher Besitz. Die Einwohner mussten noch 1777 Naturlabgaben an Wildenburg entrichten. Auch der "Andreashof", am Weg von Hettstein nach Vollmersbach oberhalb des Andreasbrunnen gelegen, gehörte zur WIld- und Rheingrafschaft. Nach ihrer Teilung im Jahre 1515 erhielt ein Johann von Kyrburg Naturalabgaben von Nunmanns Hechins Erben von Äckern bei "St. Endrisborn". Der Hof wurde später mehrfach verpachtet, die Abgaben mussten aber immer nach WIldenburg entrichtet werden. Um 1800 ist der Hof wüstgefallen. Im Jahre 1766 kam es zu einem heftigen, fast kriegerischen Streit um den Idarbann. Der letzte Obersteiner Herr, Graf Christian Karl Reinhard von Leiningen, war in Heidesheim gestorben, und der Idarbann konnte als Mannlehen nicht an eine seiner viewr Töchter fallen. Die Grafen von Nassau-Saarbrücken erhoben sofort den Anspruch auf das nach ihrer Ansicht erledigte Lehen und unterstrichen dies mit der Entsendung von Truppen. Aber auch Baden und Zweibrücken, als die Gemeinsherren der früheren hinteren Grafschaft Sponheim, mobilisierten bewaffnete Männer. In Idar standen sie sich gegenüber. Als die Saarbrücker Soldaten aber ernsthaften Widerstand bemerkten, zogen sie unter Einspruch gegen die Besitzergreifung durch die Sponheimer wieder ab !

Der von Nassau-Saarbrücken gegen diese Annexion vor dem Reichskammergericht zu Wetzlar geführte Prozeß endete 1771 mit einem Vergleich. Saarbrücken trat den Idarbann gegen die Kaufsumme von 130.000 Gulden an den Markgrafen von Baden, einen der hintersponheimischen Gemeinsherren ab. Bei der 1776 erfolgten Teilung der hinteren Grafschaft Sponheim zwischen ihren Gemeinsherren wurde das Birkenfelder Amt badisch. Das Amt Idar, also auch Hettstein und Tiefenbach, wurde dem Oberamt Birkenfeld unterstellt ! Nach der Besetzung des Gebietes durch französische Truppen kam es 1798 zu einer bürgerlichen Neuordnung des Landes. Tiefenbach und Hettstein gehörten nun zum Department de la Sarre, Arrondissement Birkenfeld, Kanton Herrstein. Hettstein kam mit anderen Orten des Idarbannes zur Mairie Oberstein; Tiefenbach aber aus unbekannten Gründen zur Mairie Herrstein. In dieser Zeit wurde Tiefenbach in Obertiefenbach umbenannt, wohl um Verwechselungen mit dem ebenfalls zur Mairie herrstein geschlagenen, früher "Niedertiefenbach" genannten Ort Hintertiefenbach zu vermeiden !

Ende Januar 1814 wurden die Birkenfelder Landschaft von den Truppen Blüchers besetzt, eine deutsche Verwaltung wurde eingeführt und das Gebiet zum Generalgouvernement Mittelrhein geschlagen. Am 2. Juni 1815 fiel gemäß des 25. Artikels der Schlußakte des Wiener Kongresses die nördliche hälfte der Birkenfelder landschaft an Preußen und wurde als Kreis Oberstein verwaltet. Die südliche hälfte blieb zunächst noch unter österreichischer und bayerischer Verwaltung, bis sie schließlich im November 1815 als Kreis Birkenfeld ebenfalls zu Preußen kam. Aber den beiden Kreisen Oberstein und Birkenfeld war nur ein kurzes Dasein beschert. Bereits am 16. April 1817 fielen beide nach dem 49. Wiener Artikel und dem Pariser Friedensportokoll vom 3. November 1815 an das Großherzogtum Oldenburg und erhielten im Hinblick auf Burg Birkenfeld, als Stammburg der linie der pfälzischen Wittelsbacher, den Namen "Fürstenthum Birkenfeld". Erst 1937 wurde das Birkenfelder Ländchen zusammen mit einem Teil des ehemals sachsen-koburgischen Kreises St. Wendel-Baumholder als Kreis Birkenfeld an Preußen zurückgegeben !

Im Jahre 1908 schlugen der Hettsteiner Schöffe Johannes Wilhelm Dreher, der Schöffe aus Obertiefenbach Johann Karl Cullmann sowie der Lehrer Adolf Sohne ihren Mitbürgern den Zusammenschluss der beiden Gemeinden vor. Die Bevölkerung sprach sichfast geschlossen gegen diesen Plan aus. Aber bereits am 12. März 1909 hieß es in einem Oldenburger Vereinigungsgesetz: " ... Die beiden Gemeinden Obertiefenbach und Hettstein werden zu einer Gemeinde vereinigt, welche den Namen Tiefenstein erhält !" Erster Schöffe der neuen Gemeinde wurde Johann Karl Cullmann.

Vor dem Zusammenschluss gab es in beiden Gemeinden eigene Schulen. In Obertiefenbach wurde 1843 ein Schulhaus wohl wegen Baufälligkeit abgerissen ( in der Alten Poststraße zwischen den Häusern Crummenauer und Purper ). Anschließend fand der Unterricht im 2. Stock des heute noch stehenden Hauses Max Crummenauer in der Alten Poststraße 110 statt. 1887 wurde dann die Schule in der Atzenbachstraße errichtet ( heute Lukas ). 1814 machte der Maire Caesar von Oberstein dem Unterpräfekten in Birkenfeld den Vorschlag, einen Teil der Hirtenhäuser zum Gebrauch der Schulen in den Gemeinden abzutreten. In Hettstein wurde danach im alten Hirtenhaus eine Schule eingerichtet. Später wurde ein neues Schulhaus in der Alten Poststraße am Aufgang zum Haselweg gebaut ! Nach dem Zusammenschluss der beiden Gemeinden wurde im Jahre 1910 ein neues gemeinsames Schulhaus in der Alten Poststraße errichtet, fast genau auf der Grenze zwischen den beiden früheren Orten. Nach großzügigem Neu- und Umbau öffneten sich dort am 30.10.1968 die Pforten der neuen "Grund- und Hauptschule Idarbachtal" für die Schüler aus Tiefenstein, Kirschweiler, Hettenrodt, Mackenrodt, Herborn, Mörschied und Veitsrodt.

Um einen neuen Friedhof aber gab es nach dem Zusammenschluss der beiden Orte Unstimmigkeiten. Hettstein besaß ab 1866 einen eigenen Friedhof in der Andreastrasse. Obertiefenbach einen am Domacker auf dem heutigen Parkplatz oberhalb der Idarbachtal-Schule. Vorher fanden die Beisetzungen auf dem kleinen Friedhof an der Idarer Kirche statt. Da beide Friedhöfe voll belegt waren, wurde 1924 ein neuer Gemeindefriedhof auf Hohenau angelegt. Aber einige Obertiefenbacher Bürger wollten sich nicht damit abfinden, einmal auf Hettsteiner Gemarkung ihre letzte Ruhestätte zu finden und gründeten im gleichen Jahr den heute noch bestehenden privaten "Friedhofsverein Tiefenstein" mit dem Friedhof auf dem Aurech. Dem ersten Vorstand damals gehörten an:

1. Vorsitzender Friedrich Carl Roth, 2. Vorsitzender August Haag, 1. Kassierer Walter Kley, 2. Kassierer Ernst Mohr, 1. Schriftführer Albert Bernhard, 2. Schriftführer Otto Schank, Beisitzer Otto Wobeto, Emil Petsch und Albert Vohl. Diesem Verein traten die meisten alteingesessenen Obertiefenbacher Familien bei. Nur die Familien Cullmann und Sohne, also die Angehörigen der Betreiber des Zusammenschlusses von Obertiefenbach und Hettstein, erwarben wohl aus Protest gegen den privaten Friedhofsverein Familiengrabstätten auf Hohenau. Noch heute werden dort ihre Nachkommen bestattet. Kirchlich gehörten Hettstein und Obertiefenbach stets zur Mutterkirche in Idar. Daneben gab es in Hettstein und in Obertiefenbach eine Kapelle ( auf dem heutigen Parkplatz gegenüber der Bäckerei Merz ). Letztere verfiel vor 1800, weil die Bürger nicht genügend Geld zur Instantsetzung und später für einen Neubau spendeten. In der Kapelle fanden nur Messen und Gebete statt. während mit der Pfarrkirche zu Idar das Begräbnisrecht und das Recht der Sakramentsspendung verbunden war. Hin und wieder, wenn der Weg nach Idar durch Hochwasser unpassierbar war,  fanden an der Kapelle auch Beerdigungen statt. Die einzige Verbindung zwischen Idar und Hettstein führte früher durch die Rothenbach und von Hettstein nach Obertiefenbach durch die Alte Poststraße. In den Jahren 1855/56 wurde die Talstraße zwischen der Stracken-Mühle und dem heutigen Hotel Handelshof gebaut. In den Jahren 1875/76 erfolgte dann der Ausbau bis zur Drogerie Leyser ( heute Blumengeschäft ).

Interessant ist, dass es in Obertiefenbach bei fast gleicher Bevölkerungszahl immer bedeutend mehr Achatschleifer als in Hettstein gab:

1845 in Obertiefenbach 53, in Hettstein nur 26
1860 in Obertiefenbach 38, in Hettstein nur 10
1902 in Obertiefenbach 45, in Hettstein nur 25

Interessant auch die Tatsache, dass von den sieben auf ehemals Hettsteiner Gemarkung betriebenen Wasserschleifen keine in eine Doppelschleife umgebaut wurde, wogegen dies bei allen fünf auf Obertiefenbacher Bann gelegenen Schleifen geschah. E. Pfalz gibt vielleicht eine Erklärung: " ... Im Vergleich zu Tiefenbach war Hettstein ein armes Dorf. In Obertiefenbach wurden bessere Artikel geschliffen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz in Obertiefenbach, dass kein Tiefenbacher Mädel als Hausgehilfin ging, ein Beweis, dass man etwas auf sich hielt und der Ort wohlhabend war. "

Einwohnerzahlen der beiden Orte

 ObertiefenbachHettstein
16796 Untertanen ( etwa 24 Einwohner)11 Untertanen ( etwa 45 Einwohner )
175116 Gemeindeleute16 Gemeindeleute
176625 Untertanen ( etwa 100 Einwohner )20 Untertanen ( etwa 80 Einwohner )
1815135 Einwohner121 Einwohner
1826170 Einwohner190 Einwohner
1832182 Einwohner189 Einwohner
1845237 Einwohner190 Einwohner
1852326 Einwohner201 Einwohner
1900426 Einwohner317 Einwohner

Einwohnerzahlen von Tiefenstein

1909   1163 Einwohner
1923   1256 Einwohner
1925   1504 Einwohner
1929   1600 Einwohner
1950   2040 Einwohner
1960   2594 Einwohner
1970   2807 Einwohner
1980   2657 Einwohner
1986   2580 Einwohner
1995   2540 Einwohner

Am 1. Oktober 1930 erfolgte der Anschluß Tiefensteins an die Stadtgemeinde Idar. Die Landgemeinde Tiefenstein gab damit ihre Selbstständigkeit auf. Gleichzeitig übernahmen die Oberstein-Idarer-Elektrizitätswerke das im Jahre 1903 gegründete E-Werk Krauth in Hettstein. Dieses Werk wurde stillgelegt und die Stromversorgung von der Oberstein-Idarer-Elektrizitäts-Aktiengesellschaft übernommen. Bei den Vertragsverhandlungen verlangte die Gemeinde Tiefenstein aber, dass ein vollkommen neues Leitungsnetz installiert wurde. Auch mussten alle Apparate ( Motoren und Kleingeräte ), die nur für Gleichstrom gebaut waren, von den neuen Stromlieferanten kostenlos ausgewechselt und das  Personal des bisherigen E-Werks Krauth vollzählig übernommen werden. Vielleicht die größte Schwierigkeit bei den Verhandlungen war die von Tiefenstein geforderte Fortführung der Straßenbahn von Ende Idar über die damalige Idartalstraße bis zur Wirtschaft Wagner. Dieser Plan war aber aus geländebedingten Schwierigkeiten nicht durchzuführen. Stattdessen wurde eine elektrische Oberleitungs-Trolley-Bus-Linie zwischen Idar und der Rodter-Mühle eingerichtet und am 20. Februar 1932 eröffnet !